Obdachlos im Betrieb

von Gudrun Jay-Bößl

Immer mehr Menschen erzählen mir, dass sie in Zukunft keinen eigenen Arbeitsplatz mehr haben werden – im Betrieb. Damit ist also nicht das Home-Office gemeint. Die neue Arbeitswelt sieht dann so aus: Morgens holen sich die Leute ihr persönliches Büro-Equipment wie Telefon, Tastatur und Mouse aus einem Container, Spind oder Kiste und suchen sich einen den Platz, der noch frei ist. Kleine persönliche Dinge wie das Bild von den Kindern, der eigene Stift und die wichtigsten Akten wandern jeden Tag mit.


Für mich fühlt sich das so an wie „obdachlos im Betrieb“. Denn, allen guten Change-Gedanken, Ideen und Umsetzungen zum Trotz: Meiner Meinung nach braucht jeder Mensch (s)eine Heimat. Dazu gehört meines Erachtens auch die Sicherheit eines festen Arbeitsplatzes im Sinne von „Mein Schreibtisch“.

 

Um agil und flexibel zu sein, brauche ich einen (festen) Platz
Balance ist das Zauberwort: Um maximal effektiv auf Herausforderungen, Veränderungen und Unsicherheit im Business reagieren zu können, braucht der Einzelne auch im Betrieb, nicht nur Zuhause, einen (Rückzugs-)Ort, wo er sich sortieren und die Routinen abspielen kann, die zum „Funktionieren im Draußen“ dazu gehören. Aus meiner Sicht als Beraterin, Coach, aber auch als Heilpraktikerin für Psychotherapie ist das für die psychische Gesunderhaltung entscheidend. Darum plädiere ich für einen festen Arbeitsplatz: Wie ihn die Chefs, die die mobilen Konzepte ausloben, auch selbst haben.

Innoreal obdachlos im betrieb beitrag

 

3 gute Gründe, warum Menschen einen festen (Arbeits-)Platz behalten sollten

  1. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist im Balance-System zuhause
    Wer sich mit dem limbischen System beschäftigt, also dem Ort im Gehirn, wo unsere emotionalen Entscheidungen getroffen werden, weiß: Die Mehrheit der Deutschen ist im Balance-System verortet. Hier geht es um Bindung, Sicherheit, Zugehörigkeit. Das ist das, was die meisten Menschen anstreben, weg von Stress und Unruhe. Übrigens: Jede Entscheidung gilt, aus Sicht der Gehirnforscher rund um das limbische System, als emotional.
  2. Zugehörigkeit drückt sich darin aus, einen (festen) Platz zu haben
    In historischen Systemen galt die Strafe, jemanden aus der Gesellschaft auszustoßen, als die schlimmste überhaupt. Selbst Menschen, die nicht sesshaft waren (in der Frühen Neuzeit in Deutschland bis zu einem Drittel der Bevölkerung), lebten in Familien und Gruppen mit fester sozialer und persönlicher Ordnung.
    Wir Menschen sind Rudeltiere: In Systemen, wo jeder weiß, wo sein Platz ist, laufen Prozesse effizienter und ressourcenschonender ab, als dort, wo es immer wieder Trouble und Kämpfe um den Platz gibt. Dazu gehören zu wollen, ist ein essenzielles Bedürfnis: Mutter-Kind, Gruppe-Erwachsener. Der feste Arbeitsplatz ist ein Ausdruck davon – ich muss nicht jeden Morgen wieder hektisch schauen, wo ich bleibe.
  3. Orientierung und Bindung schaffen Identifikation, geben Sinn und Wertschätzung
    Menschen laufen zu Höchstform auf, wenn sie den Sinn von etwas für sich erkennen. Motivation ist darum ursprünglich mit dem Sinn und der Identifikation für „eine gute Sache“ verbunden. Wenn es an den allereinfachsten Dingen wie einem festen Arbeitsplatz fehlt, weil das Unternehmen hier Geld und Raum sparen will – was ist das für ein Signal? Ein Kollege sagte neulich zu mir: „Wenn ich einen mobilen Arbeitsplatz im Betrieb hätte, und abends immer meine Sachen packen müsste, wäre das für mich wie eine kleine Kündigung - jeden Tag wieder.